Das Buch: Die Odyssee der Arnoldis
Urlaub in Südfrankreich: Sonne, Strand, das Zirpen der Zikaden – und das unheilvolle Aufleuchten einer gelben Motorkontrollleuchte.
Wenn Familie Arnoldi mit dem Wohnwagen aufbricht, ist das Abenteuer garantiert, meistens allerdings schon auf dem ersten Autobahnparkplatz hinter Heidelberg. Was als entspannter Campingtrip an die Ardèche oder an den rauen Atlantik geplant ist, verwandelt sich verlässlich in einen psychologischen Thriller auf dem Standstreifen. Ob bockige Sensoren, mysteriöse Getriebeschäden oder die endlose Hassliebe zu einem sturen Opel Antara, der bei der leisesten Steigung in den berüchtigten „Notlaufmodus“ schaltet: Die Reise in den Süden wird jedes Mal zur ultimativen Belastungsprobe für die Nerven, die ADAC-Mitgliedschaft und den Familienfrieden.
Zwischen qualmenden Motoren, kopfschüttelnden französischen Mechanikern und der alles entscheidenden Frage, ob das Auto heute Gnade walten lässt, erzählt diese gnadenlos ehrliche und urkomische Chronik von einem fast zehnjährigen automobilen Wahnsinn. Und sie beweist: Solange man zusammenhält, kann einen keine Warnleuchte der Welt aufhalten.
Prolog: Die Warnleuchte der Wahrheit
Man sagt, die besten Geschichten schreibe das Leben selbst. Wenn man jedoch als passionierter Camper mit seiner Familie über die Autobahnen Europas rollt, wünscht man sich oft inständig, das Leben hätte sich für ein etwas ruhigeres Genre entschieden – vielleicht eine entspannte Romanze oder einen ruhigen Reisebericht. Stattdessen entschied sich das Leben in unserem Fall für eine Mischung aus psychologischem Thriller, Slapstick-Komödie und einem zermürbenden Behörden-Drama.
Dieses Buch erzählt die Geschichte unserer Familie. Es ist die Chronik einer fast zehnjährigen automobilen Odyssee, die uns an die Grenzen unseres Verstandes, an den Rand der Verzweiflung und an wunderschöne Strände und Flussufer führte.
Bevor Sie nun umblättern und uns auf diese Reise begleiten, möchte ich Ihnen eines versichern: Alles in diesem Buch ist wahr.
Jedes blinkende Kontrolllämpchen, jeder unerklärliche Leistungsabfall auf einem steilen Gebirgspass, jede absurde Warteschleife in der Zentrale der Gelben Engel und jeder eiskalte französische Gebirgsbach hat sich exakt so zugetragen. Keine der Pannen ist aus dramaturgischen Gründen übertrieben, kein gefluchtes Wort am Lenkrad ist frei erfunden. Die Realität auf dem Standstreifen braucht keine literarische Übertreibung, sie ist absurd genug.
Lediglich die Namen einiger unserer Retter, Wegbegleiter und Mitleidenden wurden geändert – um ihre Privatsphäre zu schützen und vielleicht auch, um manche Werkstatt vor ihrem eigenen Ruf zu bewahren.
Es ist eine Geschichte über das Loslassen. Über das Scheitern von Technik und das Funktionieren von Menschlichkeit. Und vor allem ist es ein Beweis dafür, dass man auch im quälend langsamen Notlaufmodus des Lebens irgendwann ankommt – solange man die richtigen Menschen auf dem Beifahrersitz und der Rückbank hat.
Willkommen bei der Odyssee der Arnoldis.
Kapitel 24: Das Wunderland von Mépillat und die schnatternden Enten vom Grand Bœuf
Am Samstag um vier Uhr morgens war es wieder einmal so weit. Unser vertrautes Urlaubsritual nahm seinen Lauf, doch von einer beruhigenden Routine waren wir weit entfernt – und insgeheim hoffte ich, dass dieser Zustand auch niemals zur Gewohnheit werden würde. Wir mussten uns tatsächlich ein zweites Mal mit unserem drosselnden Antara und seiner stark verringerten Motorleistung auf eine große Urlaubsreise wagen. Für Stella schien diese absurde automobile Situation jedoch längst jeden Schrecken verloren zu haben. Völlig unbeeindruckt taumelte sie im Halbschlaf aus dem Haus und ließ sich auf die Rückbank des Opels fallen, wo sie augenblicklich weiterschlief. Ich hingegen war hell-wach. Ich montierte die breiten Zusatzspiegel für den Wohnwagen, atmete noch einmal tief durch und drehte den Zündschlüssel. Der Antara begrüßte mich pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk: Drei schrille, warnende Pieptöne durchschnitten die Stille der Nacht, dicht gefolgt von dem unheilvollen, gelben Leuchten der vertrauten Warnanzeigen im Cockpit. Wir befanden uns hochoffiziell wieder im Notbetrieb.
Kaum rollten wir vom Hof, startete Antonia ihr ganz persönliches Ablenkungsmanöver. Sie plapperte ununterbrochen auf mich ein. Sie erzählte mir die neuesten Anekdoten von ihrer Arbeit, berichtete detailliert von ihren Kollegen, philosophierte über die aktuellen Wetteraussichten und ließ einfach alles vom Stapel, was ihr gerade in den Sinn kam. Ihr ehrenwertes Ziel war offensichtlich: Sie wollte um jeden Preis verhindern, dass wir – und vor allem ich – bemerkten, wie erbärmlich langsam und quälend der Antara auf der Auffahrt zur Autobahn auf Touren kam. Doch auf dem Fahrersitz, mit dem Fuß auf dem widerstandslosen Bodenblech, ließ sich diese bittere Realität leider kaum verdrängen.
Als wir schließlich die französische Grenze passierten, war es an mir, für die Aufrechterhaltung der Moral zu sorgen. Ich stimmte lautstark die Marseillaise an – schließlich hat diese Hymne in der Geschichte schon vielen Franzosen Mut gemacht, warum also nicht auch einem geplagten deutschen Wohnwagengespann? Der Gesang half tatsächlich ein wenig, als wir uns an die Überquerung der gefühlten „Hochgebirge“ des Elsass machten. Wir krochen die Steigungen hinauf und ließen tapfer all die schweren Lkw an uns vorbeiziehen. Ich muss zugeben: Nach einer gewissen Zeit setzte eine seltsame, fast schon tröstliche Resignation ein. Es fühlte sich irgendwann vollkommen normal an, die unangefochtene Spitze am unteren Ende der Nahrungskette zu sein und das langsamste Vehikel auf Frankreichs Autobahnen zu steuern.
Ein absoluter Segen an diesem Tag war jedoch unser Etappenziel. Wir mussten heute noch nicht bis nach Ruoms und damit nicht tief ins bergige Zentralmassiv hinauf. Das stand erst für den morgigen Tag auf dem Programm, und morgen war in unserer aktuellen Gemütsverfassung noch weit, weit entfernt. Unser heutiger Ankerplatz war die Domaine de Mépillat in der Bresse. Dass wir ausgerechnet dort landeten, war allerdings reiner Notwehr geschuldet. Ich hatte es schlichtweg nicht gewagt, uns im Vorfeld auf unserem geliebten Stammcampingplatz in der Bresse, der Domaine de Louvarel, anzumelden. Die Unsicherheit, ob wir mit dem lahmenden Opel überhaupt noch einmal in den Urlaub fahren konnten oder wollten, war in den Wochen zuvor einfach zu groß gewesen. Als die Entscheidung dann endlich gefallen war, war Louvarel natürlich restlos ausgebucht, und wir mussten in die Idylle von Mépillat ausweichen.
Dieser Plan B brachte ein paar kleine Nachteile mit sich: Der Platz besaß kein eigenes Schwimmbad, und die rettenden Einkaufs- sowie Tankmöglichkeiten lagen deutlich weiter entfernt. Dafür erlebten wir bei unserer Ankunft eine andere, wunderbare Überraschung, die besonders Stella auf Anhieb begeisterte. Wir entdeckten einen GiFi. Für alle, die noch nie in den Genuss dieser französischen Handelskette gekommen sind: Ein GiFi ist im Grunde ein gewaltiges, buntes Wunderland für all die Dinge, von denen man bis zum Betreten des Ladens nicht einmal wusste, dass man sie dringend braucht. Es ist eine faszinierende Mischung aus Dekoration, Haushaltswaren, Strand-Gadgets und herrlich kuriosem Ramsch, der das Urlaubstaschengeld von Teenagern geradezu magisch anzieht.
Nachdem wir uns dort ausgiebig eingedeckt hatten, ließen wir uns am Fluss nieder und verbrachten einen wunderbar entspannten Abend am Wasser. Wir atmeten tief durch. Die erste große Hürde auf dem Weg an die Ardèche hatten wir erfolgreich gemeistert.
Am nächsten Morgen ließen wir die Dinge erstaunlich ruhig angehen. Nach dem Stress der vergangenen Wochen hatten wir uns das redlich verdient. Wir verspeisten genüsslich die obligatorischen Pains au Chocolat und machten uns erst gegen 11:00 Uhr auf den Weg. Die Route führte uns zunächst auf die Autobahn und direkt hinein in das berüchtigte Nadelöhr von Lyon. Doch das, was für die meisten Urlauber den puren Stress bedeutet, war für uns die reinste Entspannung. Auf den wuseligen, ewig verstopften Straßen entlang der Rhône, auf denen der Verkehr ohnehin nur zähflüssig rollte, fühlte sich unser Antara pudelwohl. Hier konnten wir problemlos mithalten; im großstädtischen Dauerstau sind schließlich alle Autos gleich schnell.
Die Idylle fand jedoch ein jähes Ende, als wir den Großraum Lyon hinter uns ließen und wir uns der A7 auf den berüchtigten Col du Grand Bœuf zubewegten. Dieser Pass ist mit seinen 323 Metern zwar kein alpiner Gipfel, aber er markiert den höchsten Punkt der Autoroute du Soleil. Seine lang-gezogene Steigung von teilweise über fünf Prozent über mehrere Kilometer zieht unerbittlich die Kraft aus jedem voll beladenen Fahrzeug. Für unseren Notlauf-Opel war es das reinste Gift. Wieder zogen dutzende schwere Lkw und uralte, rußende Wohnmobile gnadenlos an uns vorbei. Die absolute, krönende Demütigung folgte jedoch durch eine Gruppe von alten Citroën 2CV. Die Enten-Fahrer überholten uns fröhlich schnatternd und winkten uns dabei breit grinsend aus ihren aufgerollten Faltdächern zu. Wir nahmen es mit Galgenhumor.
Trotzdem stieg die Anspannung im Auto merklich, denn der eigentliche Aufstieg in unsere zweite Heimat stand uns ja erst noch bevor. Spätestens, als wir an der Ausfahrt 17 bei Le Teil abfuhren, kamen wir richtig ins Schwitzen. Seit ein paar Jahren gibt es dort eine neue Umgehungsstraße für Lkw hinauf zum Hauptort der Ardèche, Aubenas, die auch wir für unsere Route kreuzten. Die Topografie verlangte unserem Auto hier alles ab. Wir wurden immer langsamer. Wir krochen im Schritttempo. Der Motor ächzte und stöhnte. Bei jeder noch so kleinen Senke versuchten wir verzweifelt, ein wenig Schwung zu holen und etwas zu beschleunigen, nur um an der nächsten Kuppe wieder nahezu zum völligen Stillstand zu kommen.
Doch irgendwann, nach endlosen, schweißtreibenden Kilometern, hatten wir es tatsächlich geschafft: Wir erreichten die Hochebene ab Vogüé. Als das sanfte Relief der Landschaft vor uns auftauchte, fiel die zentnerschwere Anspannung von uns ab und wich endlich der puren Vorfreude auf unseren Urlaub. Wir passierten die uns so vertraute, malerische Route durch Balazuc und Pradons, bis wir schließlich Ruoms erreichten.
Als wir auf das Gelände unseres Campingplatzes La Plaine rollten, war es wie ein Nach-Hause-Kommen. Wir wurden an der Rezeption so herzlich empfangen, wie wir es schon seit unserem allerersten Besuch vor 13 Jahren gewohnt waren. Ich manövrierte den c'go sicher auf unseren Stammplatz an der uralten Linde mit der Nummer D3. Der Motor durfte endlich schweigen. Wir ließen das Vorzelt für einen Moment ruhen, liefen hinüber zur Bar und stießen mit einem kühlen Bierchen und einem erfrischenden Diabolo auf unsere Ankunft an. Wir waren da. In unserer geliebten zweiten Heimat. Was für ein Glück! Oder besser: Quelle chance !
Die Buchdaten
Seitenzahl: 352, Taschenbuch, Verlag/epubli